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jellify me

Schnöder Wackelpudding schön gepimpt: Die Gelatine-Anarchisten Sam Bompas und Harry Parr setzen sich mit ihren surrealistischen Süßspeisen und spleenigen Spektakeln ein Food-Denkmal aus Götterspeise.

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Foto: Nathan Pask Photography

Der glamouröse Glibber ist in aller Munde. Die wabbligen Kreationen der Jellymongers, alias Sam Bompas und Harry Parr, sind heiß begehrt. Auf Jet-Set-Partys ebenso wie in Museen und Kunstgalerien. Dass ihr Jelly, so die englische Bezeichnung für Wackelpeter, so einschlagen würde, war auch für die beiden 29-Jährigen, die 2007 ihr Pudding-Business gründeten, eine Überraschung. Mit getunten Jelly-Rezepten fing alles an, es folgten ausgefallene Wackelpeter- Fantasien, spektakulär in Szene gesetzt. Der Run auf die exklusiven Pudding-Produkte war groß, Bompas & Parr expandierten. Heute werden die Londoner Unternehmer unter anderem von Technikern, Architekten und Wissenschaftlern unterstützt.

Wochenlange Vorbereitung für den kontinentalen Riesenpudding, der binnen weniger Minuten zerstört wird. Foto: Bompas & Parr

Wochenlange Vorbereitung für den kontinentalen Riesenpudding, der binnen weniger Minuten zerstört wird. Foto: Bompas & Parr

Der Jelly Buckingham Palace zu Ehren der royalen Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton, ein neun Meter hoher DSchokoriegel als süße Kletterwand, ein Minigolfplatz mit Wackelpudding-Hindernissen oder die ehrwürdige SS Great Britain, Wahrzeichen der Stadt Bristol, in einem Meer aus Götterspeise – die Jellymongers beglücken die Welt stets mit neuen, aufsehenerregenden Food-Installationen. Immer überraschend, immer crazy und immer glibbrig. Einst Elite-Schulabsolventen, machen sie heute in Wackelpudding. Sam Bompas und Harry Parr haben beide das Eton College besucht. Die Prinzen William und Harry drückten hier die Schulbank, George Orwell, Ian Fleming und 19 britische Premierminister ebenfalls. Seit über 560 Jahren werden in der legendären Lehranstalt aus Knaben gestandene Gentlemen gemacht, die zu Höherem berufen sind. Und manchmal ist das eben Götterspeise.

Das Viktorianischen Zeitalter war jellybesessen, eine Tradition, die Bompas und Parr zu ihrer Zukunft machten. Foto: Bompas & Parr

Das Viktorianischen Zeitalter war jellybesessen, eine Tradition, die Bompas und Parr zu ihrer Zukunft machten. Foto: Bompas & Parr

Das Ziel aller Eton-Absolventen, ein erfolgreiches Leben in der Upper Class, haben sie auf jeden Fall erreicht. Bompas und Parr lernten sich im Schulorchester kennen, waren nicht die engsten Freunde, mochten sich aber. Nach ihrem Abschluss blieben sie in Kontakt. Parr schlug einen „soliden“ Werdegang ein und studierte Architektur. Für Bompas war die Universität nichts, er hatte unterschiedliche Jobs, konnte sich nicht so recht entscheiden. Eine von Parrs Dinnerpartys entpuppte sich schließlich als schicksalhaftes Happening. An dem Abend servierte Harry Parr eine einfache Götterspeise aus frischen Brombeeren. Die Gäste waren hingerissen. Die Idee zu Jellymongers wurde geboren. „Jelly war die Zukunft und genau das, worauf wir unsere Zukunft aufbauen wollten“, erinnert sich Sam Bompas.

Die Zusammenarbeit mit Architekten, Technikern, Wissenschaftlern, Historikern und Künstlern lassen Bompas & Parr die einzigartigsten Süßspeisen Kreationen gelingen. Foto: Ann Charlott Ommedal

Die Zusammenarbeit mit Architekten, Technikern, Wissenschaftlern, Historikern und Künstlern lassen Bompas & Parr die einzigartigsten Süßspeisen Kreationen gelingen. Foto: Ann Charlott Ommedal

Dieses Glibber-Geschäft brauchte Substanz, neue Ideen, ein frischeres Image. Die Unternehmer in spe fingen an zu recherchieren, suchten nach Backgroundinformationen und stießen auf die interessante Historie des Wackelpeters. Der war nämlich schon mal ein angesagtes Trenddessert – unter Heinrich XIII. Zu Zeiten von Queen Victoria war Jelly nicht nur eine beliebte Gaumenfreude, sondern auch ein Eyecatcher. Jelly-Skulpturen waren bereits damals eine erlesene Tischdeko und beeindruckten mit architektonischer Raffinesse. Natürlich konnten die Uralt-Rezepte nicht eins zu eins übernommen werden. Was unseren Vorfahren mundete, unterscheidet sich zu sehr vom modernen Goût. Die Jellymongers probierten, modifizierten, experimentieren – und trafen geschmacklich den Zeitgeist. Ihre feudalen Leckereien wackelten sich zielstrebig in die elitäre Partyzone der High Society.

ART DIRECTION: Fiona Leathy

ART DIRECTION: Fiona Leathy

Die Idee, Wackelpudding nicht nur als gepimpte Nachspeise, sondern auch als Kunstwerk zu inszenieren, katapultierte Bompas & Parr schließlich ganz nach oben im Food- und Kunstbusiness. Jelly in seiner schier unendlichen Vielseitigkeit macht es dem dynamischen Duo auch leicht. Der ästhetisch transparente Glibber lässt sich in fast jede Form gießen, mit jeder möglichen Geschmacksnote und jeder Farbe veredeln. Sam Bompas und Harry Parr unterzogen den langweiligen Wackelpudding einer mondänen Metamorphose. Ein genussvolles Vergnügen, das die Sinne, ob Schmecken, Sehen, Riechen oder Fühlen, Purzelbäume schlagen lässt. Die Jelly-Ästheten verwenden nur frisches Obst und Gemüse. Der daraus gewonnene Saft verwandelt sich dann dank Blattgelatine in ein glibbriges Gourmet-Dessert. Nicht zu vergessen: Hochprozentiges. „Alkohol potenziert das Aroma, er verleiht den Kreationen geschmackliche Tiefe“, erklärt Parr, „davon abgesehen, geht mit Alkohol alles ein bisschen leichter“.

FOTO: Ann Charlott Ommedal

FOTO: Ann Charlott Ommedal

Schön wobbly, so die englische Bezeichnung für „wackelig“, muss die göttliche Speise sein. Nicht zu fest, nicht zu flüssig. Immer die richtige Konsistenz zu finden, ist gar nicht so einfach. Es kommt darauf an, ob die Desserts für den Verzehr oder nur zum Anschauen bestimmt sind, welchen Temperaturen sie ausgesetzt werden und ob irgendwelche Gimmicks gefragt sind. Das richtige Maß an Gelatine ist entscheidend – und Klebeband, das sich für die Jellymongers als überraschend effektives Küchentool erwies. Funkelnde Absinth-Gelees, glibbrige Champagnerkreationen und fluoreszierender Wackelpeter verleihen jeder Society Party einzigartigen Gelatine-Glamour.

Schlaraffenland auf der London Fashion Week für das britische Label Tata Naka; Foto: Farrukh Younus

Schlaraffenland auf der London Fashion Week für das britische Label Tata Naka; Foto: Farrukh Younus

Die surrealistischen Süßspeisen verlangen nach einer adäquaten Präsentation, und das übernehmen die smarten Jungunternehmer gerne selbst. Nachtisch als Theater – auch das gehört zum Jellymongers- Repertoire. In schrägen Outfits werden die Bompas & Parr Kreationen von den Chefs höchst persönlich aufgetragen und zelebriert. Die exklusiven Speisespektakel sind aufwendig und kostspielig. Es geht auch simpler und günstiger. Einfach bei Bompas & Parr eine individuelle Wackelpeterform nach Wunsch bestellen und sie nach eigenen Vorstellungen mit köstlichem Glibber auffüllen. Ein richtiges Schnäppchen sind die persönlichen Puddingformen mit 800 Pfund Minium allerdings auch nicht. Dann doch lieber ein Jellymongers Kochbuch kaufen, nach einer ansprechenden Form suchen und es selber wackeln lassen.

Von Experten geprüft: Aphrodisische Nipple Jellies; Foto: Chris Terry

Von Experten geprüft: Aphrodisische Nipple Jellies; Foto: Chris Terry

Leuchtender Jelly, zitternde Gelatine- Brüste – was Bompas und Parr der Welt so auftischen, ist originell, witzig und erfrischend respektlos. Aber die beiden exzentrischen Engländer, können auch anders. Künstlerisch anspruchsvoll nämlich. Mit einer Ausstellung im San Francisco Museum of Modern Art haben die autodidaktischen Dessert-Köche so ganz nebenbei auch noch die zeitgenössische Kunst revolutioniert. Ihre fluoreszierenden Gelees, inspiriert von den Formen historischer Grabmäler, waren ein voller Erfolg. Der britische Independent ist sich gewiss, Sam Bompas und Harry Parr, die mittlerweile auch Vorträge am Royal Institute of British Architects halten, zählen zu den „15 Leuten, die die Zukunft der Kunst in Großbritannien definieren werden“.

Das ultimative Ziel der Jellymongers: die globale Food-Vorherrschaft

Das ultimative Ziel der Jellymongers: die globale Food-Vorherrschaft

Auch wenn sich die geschäftstüchtigen, künstlerisch ambitionierten Jelly-Designer nicht immer einig sind und oft die kreativen Fetzen fliegen, so ergänzen sie sich doch hervorragend. Parr, der Architekt, entwirft und realisiert die oftmals ausgefallenen Wackelpeter-Formen, und Bompas macht die PR und bringt Ideen ein. „Für mich geht es um die Story, die wir erzählen und die Frage: Wird das, was wir kreieren, die Leute begeistern? Während Harry sich für den Prozess interessiert, die technischen Elemente“, beschreibt Sam Bompas ihre unterschiedliche Herangehensweise. Auch für Freund und Kollege Harry Parr ist ihre Gegensätzlichkeit mehr Segen als Fluch: „Sam denkt immer an das nächste Projekt, während ich mich mehr für das interessiere, was gerade aktuell ist. Doch obwohl wir unterschiedliche Herangehensweisen haben, haben wir das gleiche Ziel. Vor einigen Jahren schrieben wir auf ein Blatt Papier, was unsere ultimativen Ziele wären, und wir beiden schrieben das Gleiche: die globale Food-Vorherrschaft.“

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